Dienstag, 26. September 2017

:: gastbeitrag // das eigene und das fremde - von jens langer



DAS EIGENE UND DAS FREMDE

Beobachtungen zu Andreea Dumitru, Inter- und Multikulturalität in Eginald Schlattners Romantrilogie Versunkene Gesichter


Noch schwärmen Siebenbürger Sachsen von ihrem großartigen Treffen in Hermannstadt Anfang August 2017 (Vgl. B.Ungar, Von Heimat und Apfelbäumchen: HZ 11.8.2017; Siebenbürgen aktuelles Thema für siebenbürgisch-sächsische Jugend im Ausland: ADZ-Gespräch mit E.Drottleff (...): ADZ 6.9.2017 ) Werden die Enkel der Ausgewanderten nach dieser Inspiration mit neuem Schwung mehr und mehr Aufgaben auch in der süßen Heimat übernehmen und diese auf sächsische Art stärken? Mir ist diese Sicht auf die Zukunft genauso kürzlich freundschaftlich mitgeteilt worden. Hierbei handelt es sich selbstredend um eine spontane Äußerung nach einem aktuellen Ereignis. Andererseits gibt es immer noch festgefahrene Positionen. Eine solche Haltung wird beispielsweise von einer kritischen Sächsin zitiert, die den Kontakt zu ihrer Herkunftskultur bewußt abgebrochen hat:“Die Sachsen sind alles, die anderen sind minderwertig.“ (S.Pichotta, Schicksale - Deutsche Zeitzeugen in Rumänien, Schiller:Hermannstadt 2013, S. 111). Seinerzeit ist kein Aufschrei des Für und Wider gegenüber dieser Einstellung zu hören gewesen, aber ganz unabhängig von Ethnozentrismus und Event hat Andreea Dumitru 2017 ein Buch vorgelegt, das den Beziehungen, Wechselwirkungen und Ergebnissen im Zusammenleben der verschiedenen Völker in Rumänien nachgeht, und zwar anhand von Eginald Schlattners Romantrilogie. Die Autorin enfaltet eingängig und schlüssig, wie Schlattner die Welt des Mit-, Neben- und bisweilen auch Gegeneinander in nuce veranschaulicht. Schlattner weiß, wovon er schreibt; denn er hat diesen farbenprächtigen grandiosen Mikrokosmos, in dem das siebenbürgische Leben spielt, ausgelebt und durchlitten. So hat er insgesamt ohne Besserwisserei, aber im Mitleiden, Ausharren und Durchstehen ein spannendes Lehrstück entworfen, aus dem Zukunftswissen geschöpft werden kann.
Der geköpfte Hahn“ (1998) bildet bewegend (!) das traditionell erstarrte Nebeneinander der Ethnien ab, wie freundlich es im einzelnen auch immer sich gestalten mag. „Rote Handschuhe“ (2000) führt aus den siebenbürgischen Ebenen und Höhen in eine „Miniaturgesellschaft“ wie die Autorin sich ausdrückt:“Interkulturelles Treffen in der Zelle 28“ lautet eine Zwischenüberschrift ihres Buches. Hinter Gittern „eine Art Klassenzimmer“, „in dem man durch gezwungene Interaktion interkulturelle Kontakte knüpft, die in der Freiheit unmöglich gewesen wären“ (S.127) . Weil sich die Verhafteten dieser Realität nicht entziehen können, werden Lernprozesse initiiert und aktiviert: „Die Inhaftierten werden mit unterschiedlichen Kulturen, Sprachen, Konfessionen, Wert- und Normvorstellungen konfrontiert, die sie dann mit den eigenen vergleichen“. (S. 129) Die wachsende interkulturelle Kompetenz bewirkt zusehends ebensolche Kommunikation untereinander. „Das Klavier im Nebel“ (2007) veranschaulicht drastisch Deportation und Enteignung des siebenbürgisch-sächsischen Bürgertums, aber gerade auf diesem gesellschaftlichen Schicksalsweg eben auch Liebe, hier exemplarisch zwischen Clemens Rescher und der Rumänien Rodica Neagoie, „Kuhmagd, Klavierspielerin und Bibliothekarin“ (S. 86). Dazu tritt auch andere Lebenswelt aus fremden kulturellen und sozialen Zusammenhängen, wie z.B. am Hirten Bade Timoftei sichtbar wird. Das junge Paar gewinnt Kenntnisse vom Leben des anderen und entwickelt dergestalt einen interkulturellen Horizont. Realistisch, nüchtern und bitter zugleich die Bilanz von Dumitru: „Der Roman zeigt, dass Lebensformen von historischen Gegebenheiten direkt beeinflußt werden. Der kommunistische Eingriff in das Leben der Menschen wirkt sich auf alle Bereiche aus und bedeutet im Sinne des interkulturellen Dialogs sogar eine Bereicherung.“ ( S.119) Was die Literatur- und Kulturforscherin hier beschreibt, ist mit Schlattners opus magnum faktisch und zugleich symbolisch ebenfalls geschehen: Die Romane „Der geköpfte Hahn“ und „Das Klavier im Nebel“ wurden 2006/07 bzw. 2009/10 von dem rumänischen Regisseur Radu Gabrea verfilmt. (Vgl. G.Calutiu-Sonnenberg, Abschied in Rothberg. Eine Begegnung mit Eginald Schlattner: Deutsches Pfarrerblatt 8/2017).Eine Grenzüberschreitung aus zwei Kulturhorizonten heraus und eine Bereicherung für beide Seiten einer gemeinsamen Gesellschaft!
Auf einer weiteren Ebene vollzieht sich ebenfalls eine sachte Bewegung zur Begegnung und Entdeckung des anderen. Die rumänische Mehrheitsgesellschaft bemerkt das architektonische Erbe der sächsischen Gemeinschaft langsam als gesamtkulturelles Anliegen. Das zeigt sich im Interesse von verschiedenen Verwaltungsebenen am Erhalt der Kirchenburgen, und eine sächsische Stiftung fördert dieses Interesse, das in größere Verantwortung von Kommunen und Staat münden soll (vgl. M. Mundt, Verankerung des sächsischen Kulturerbes in der rumänischen Gesellschaft hat erst begonnen :ADZ 1.9.2017).
Schlattner selbst hat bereits einst viele Monate vor seinem 80.Geburtstag einen Akt der inneren Befreiung erlebt und im damaligen Advent mit einer öffentlichen Geste des Segens symbolisch
das Rothberger Kirchengebäude an die neuen Bewohner und alten Sorgenkinder übergeben, an die Waldorfschule „Hans Spalinger“ und die darin unterrichteten Kinder der dunklen Geschwister unten vom Bach. Der pensionierte Pfarrer konnte natürlich keinen juristische Übergabe vollziehen. Es war eine sinnbildliche Übergabe vom Herzen her, die zeigte, daß er die kulturelle Transformation verstanden hat und bejaht. Er kann das Krippenspiel nun in der Sprache der Mehrheit hören, gespielt von der gebeutelten ziganen Ethnie. Die Laute mögen fremd klingen, ihm sind sie vertraut und er kann darin auch die eigene Sehnsucht nach Ewigkeit vernehmen und erwirbt so Bürgerrecht im Zukunftsland.

Zu Schlattners 84. Geburtstag am 13.9. hat dieser Titel von Andreea Dumitru gewiß längst auf dem Gabentisch gelegen. Er zeugt von der kulturellen Kompetenz des 50. evangelischen Pfarrers in Rothberg/Rosia. Was die Autorin darin akademisch analysiert, klingt nie langweilig, sondern zeugt von dieser Kraft des Protagonisten. Nicht zuletzt ist das Buch selbst auch Teil der Lebensprozesse, die es beschreibt. Und im Mai 2018 sollen die „Roten Handschuhe“ übrigens auf Russisch im Buchhandel sein! An einer japanischen Übersetzung wird ebenfalls gearbeitet. Aber noch vor diesen Ereignissen rangiert die Edition von „ Die sieben Sommer meiner Mutter. Ersonnene Chronik“ zur Leipziger Buchmesse. Damit wird das Schlattnersche Werk abgeschlossen. Der Kampf um das Erscheinen dieses literarischen Schlußsteins hat rund zehn Jahre transsilvanischen Langmuts gekostet. Insgesamt hat der Dichter nunmehr ein Sprach-Gedächtnis der siebenbürgischen Wunden und Wunder entworfen und ausgebaut auf Zukunft.Alle antragsberechtigten Institutionen und Einzelpersonen (s. Artikel Nobelpreis bei WIKIPEDIA 5.1 Nominierungsrecht) sollten die Gelegenheit nutzen, für die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Schlattner zu werben, den er m.E. schon vor Jahren gemeinsam mit Herta Müller hätte bekommen sollen. Angesichts eines 84. Geburtstages ist die Frist für ein solches Engagement nicht grenzenlos.So oder so, Rothberg/Rosia, der mons rubens, strahlt weiterhin Faszination für eine wahrhaft europäische Literatur aus.

Die Erfüllung des angesprochenen Anliegens von der Sache, der Person und dem Herzen her steht allerdings in den Sternen. Es hat sich nämlich seit Jahrzehnten eine einflußreiche Schar von Neinsagern und Verhinderern etabliert, die auf die Isolation des Autors hinwirken. Schlattner ist auch ohne sie und trotz ihrer zu einem europäischen Schriftsteller geworden Wenn sich nun die Stimme unseres Blattes mit der vox humana eines aus hiesiger Perspektive in einem abgelegnen Winkel Südosteuropas lebenden poeta transsilvvanus verbindet, soll damit wenigstens auf die Berechtigung, Notwendigkeit und Dringlichkeit der Anerkennung eines Lebenswerkes hingewiesen werden. Das immerhin kann hiermit geschehen.

Jens Langer, Rostock

Redaktionelle Notiz: Den vorstehenden Text drucken wir mit einer gegenüber dem Original erweiterten Schlußpassage ab. Ohne dieselbe ist er erschienen in der „Hermannstädter Zeitung“ Nr. 2545 vom 8.9. 2017. Die positiven Reaktionen darauf haben unseren Autor nach jahrelanger Befassung mit den Büchern Schlattners veranlaßt, in der Schlußpassage noch einem langgehegten Anliegen Ausdruck zu verleihen.

Siebenbürger Sachsen: Deutsche Bewohner Siebenbürgens/Transsilvaniens
HZ: Hermannstädter Zeitung – rumäniendeutsches Wochenblatt
ADZ: Allgemeine Deutsche Zeitung – rumäniendeutsche Tageszeitung aus Bukarest

Mittwoch, 5. Juli 2017

:: notizen






 »Die Mauer, die Große, am Rand einer Kleinstadt ohne Namen, wir nennen sie Xin’rong, ist schwer zu beschreiben. Ein oder zwei, vielleicht auch drei Kilometer sind wir auf der Mauer entlanggelaufen, ohne dieses Tamtam im Kopf, das herumsaust, wenn man »Große Mauer« hört, ja, so als würden wir durch einen Park oder einen Wald spazieren.«




[der gesamte Text bei Logbuch-Suhrkamp >>>]


Mittwoch, 28. Juni 2017

:: žitný ostrov // csallóköz #06



[Auszug aus den Chroniken der Schüttinsel]

Gabčíkovo ist ist kein schöner Ort. Gabčíkovo ist seit einem Jahr eine Stadt. Gabčíkovo ist auch kein häßlicher Ort. Läuft man durch die Straßen, offenbaren sich die Geschichten dieses Ortes vor einem der alten Häuser, die sehr selten sind, oder beim Anblick des Dreifaltigkeitssäule oder in der großen Anzahl der Einfamilienhäuser und ihrer Vorgärten oder dem Monument der Kriegsgefallenen. Bis man vor einem überdimensionierten Betonkomplex mit Wohneinheiten, geschlossenen Einkaufsmöglichkeiten, verfallenen kulturellen Räumen und Park- und Freiflächen, auf denen einmal Fussball und Basketball gespielt wurde, steht. Und man sieht die Spuren der Menschen, die hier studiert haben oder anderer, die in den 1990er Jahren auf der Flucht vor dem Krieg waren und man hört das Zwitschern und Pfeifen der Vögel in den Bäumen, weil das Frühjahr bereits weit vorangeschritten ist, und ganz leise die wütenden Schreie der Bewohner von Bős, wie die meisten Bewohner den Ort nennen, keine Flüchtlinge zu wollen.
Kommt man nach Gabčíkovo, dann wahrscheinlich wegen des des gleichnamigen Wasserkraftwerkes am Ende des Donaukanals und sehr wahrscheinlich nicht, auch wenn es immer Ausnahmen geben muss, wegen eines Mann namens Jozef Gabčík, der wohl niemals hier gewesen ist, dessen Namen das ehemalige Dorf dennoch seit 1948 trägt. Gabčík dessen Maschinengewehr klemmte, als er in Prag 1942 auf Reinhardt Heydrich zielte, der in seinem Auto saß, auf das schließlich Jan Kubiš eine Handgranate warf, an deren Folgen Heydrich acht Tage später starb.



Hamuliakovo ist ein ungleich schönerer Ort als Gabčíkovo und liegt am Beginn des Donaukanals und erhielt 1948 diesen Namen nach dem die slowakische Sprache bevorzugenden aber im Alltag und Beruf Deutsch und Ungarisch sprechenden Nationalisten Martin Hamuljak, obwohl im Dorf einer der ältesten Kirchen des Landes steht und der Verkehr beinahe jeden Morgen durch das Pendeln in die nahe gelegene Hauptstadt zum Stillstand kommt.



Das Dorf Éberhárd liegt ein gutes Stück nördlich der Donau und gehörte mitsamt seinen Einwohnern unter anderen den Familien Apponyi und Balassa und Pálffy und wurde auf Slowakisch zwischen den Jahren 1927 und 1946, und nur bei wenigen Slowaken auch bis 1948 Eberhard, und erst seitdem nach den vielen Himbeeren der Gegend schlicht Malinovo genannt.

Donnerstag, 22. Juni 2017

:: žitný ostrov // csallóköz #05




Vielleicht ist das gar nicht wichtig. Vielleicht ist wichtig, dass viele Schreibende den Osten brauchen, eine Osten, wie der Schreibende Ziemowit Szczerek schreibt, der noch böser ist, als der bereits bekannte Osten.
  Vielleicht ist auch wichtig, dass ich noch keinen Aufsatz oder einen Reisebericht über Spanien oder Portugal oder über Irland gelesen habe, der sich wundert und freut und überrascht ist, dass die Armut in Irland zum Ende des 20. Jahrhunderts eingedämmt wurde oder, dass der staatliche Faschismus nach dem Sturz beziehungsweise Ableben der Diktatoren in Spanien und Portugal aus den Köpfen der Menschen zu verschwinden scheint.
  Vielleicht ist nicht wichtig, dass Schreibende, berichten sie über den Osten Europas, die Angewohnheit haben, zunächst von ihren Vorurteilen zu erzählen. Von den Bildern in ihren Köpfen, die sich in den ikongraphischen Beschreibungen – graue Farbtöne, Einöde, abschreckende Figuren und Kreaturen, die sich einander ignorieren oder Gewalt antun oder beides zusammen – oft sehr ähnlich sind.
  Vielleicht ist auch nicht wichtig, dass viele Schreibende dann ausführen, wie sich ihre Sicht auf den Osten auf wundersame Weise geändert hat und es folgen Beschreibungen von Bildern mit fröhlichen Gestalten, die, den Kommunismus noch immer im Blut haben aber mittlerweile durchaus aufgeschlossen und mit Mobiltelefonen (ja, einige Schreibende wundern sich auch im Jahre 2017, dass es überall auf der Welt Mobiltelefone gibt) in den Händen aufeinander zugehen und die Farbenpracht der Welt genießen, und ja, scheinbar auch Menschen sind.
  Vielleicht ist wichtig, wie Ziemowit Szczerek sagt, mit Stereotypen zu spielen, und, dass man sie richtig oder falsch benutzen könne, und er dagegen sei, sie falsch zu benutzen. 

 

Dienstag, 20. Juni 2017

:: žitný ostrov // csallóköz #04


du wohnst seit wochen auf einer insel und wie so oft bist du da und du bist nicht da, oder um es mit den worten eines ehemaligen systematikprofessors der theologie zu sagen, auch wenn das lange her ist, und vielleicht ist lange her nur ein synonym für ein anderes leben, und du fragst dich also, warum du auf dieser insel bist, warum du hier bist und gleichzeitig überall in diesem hier und nicht ganz woanders, und das liest sich dann wie ein protokoll der beliebigkeit und ist dennoch so wahr, wie wahr ein teil der wahrheit sein kann:
hamuliakovo, bratislava, csölösztő, gabčíkovo, bodíky, vojka nad dunajom, trstená na ostrove, kostolné kračany, horný bar, leipzig, hildesheim, travenhorst, devín, prag, pirna, báč, dresden, holice, dunajská streda, šamorín, lúcs, malé blahovo, mliečno, kvetoslavov, most pri bratislave, hubice, nové košarišká, malinovo, tomášov, csütörtök, podháj, hviezdoslavov, čakany, vydrany, orechová potôň, nagyabony, kisfalud, baka, wien, kalinkovo, dunajská lužná, nagymagyar


und während du diese orte liest, und du liest sie je nach kontext in zwei, manchmal auch in drei sprachen, weil identität nicht aus wasser sein soll in europa, weil ein bekenntnis, ja, eine konfession unabdingbar ist in europa, überlegst du, hinter welcher kreuzung und an welchem ortsrand sich welche kirche befindet, wo an der donau die ewig alten bäumen ihre kronen in das wasser des flusses fallen lassen und wo welche synagoge abgerissen und wo ganz städte abgerissen und neu aufgebaut wurden, ja, wo das war, also in welchen orten die menschen aussahen, als wären sie glücklich und wo das war, als du im stau standest oder du an einem der täglichen staus mit dem rad vorbeigefahren bist, und wann sich deine haut geschält hat, weil die sonne irgendwo gleich mehrere hautschichten versengte, in welcher bar du welches bier und wo du den guten und wo du den eher schlechten hauswein getrunken hast, und wie das dorf in welcher sprache wie hieß, in dem du die besten halušky deines lebens gegessen hast und wann und wo genau du über welches feld gelaufen bist, auf dem einmal eines der vielen konzentrationslager stand und wo welcher friedhof von einfamilienhaussiedlungen gerahmt wird, und warum sich diese bilder vermischen, und dann denkst du an die pepperonipizzen des oststadtgrills in hildesheim mit extra zwiebel und knoblauch obendrauf, wie ihr euch an einem der tische gegenüber sitzt und pläne macht über beirut und algier und wie ihr zusammen lacht und euren hunger stillt






Mittwoch, 31. Mai 2017

:: žitný ostrov // csallóköz #03


Das Bett, in dem du seit Wochen schläfst, in dem du beinahe jeden Morgen einen Kaffee trinkst und die Nachrichten liest oder Bücher oder Artikel. Das Bett, in dem du nachts wach liegst, weil es viel zu warm ist und du den Fröschen zuhörst, wie sie ihre Wangen aufblasen und den Grillen und dem Rauschen der Autos, die durch die Nacht fahren. Dieses Bett steht in einem kleinen Raum. Direkt über dem ehemaligen Klassenzimmer der ehemaligen jüdischen Schule, und du liest in einem Buch:



Mrs. Kertész, our homeroom teacher, had just made the shocking announcement: "Class, the Royal Hungarian Ministry of Education ... to safeguard our best interests ... has terminated instruction in all the nation's schools. Effective immediately."
Her voice broke. She swallowed hard. "Our school is closed, as of now."
It is Saturday, March 25th, 1944. Six days have passed since the Germans invaded Budapest. What about graduation, only three months away? What about report cards?

But Mrs. Kertész leaves the classroom before we have a chance to ask question. She leaves without a word of reference to the German occupation. Without indication of what is to happen next.
We sit in stunned silence, staring at each other. And then slowly, ever so slowly, my classmates stand up on by one and file out of the classroom.

(taken from: Livia Bitton-Jackson, I have lived a thousand years - Growing up in the Holocaust)


 

Freitag, 5. Mai 2017

:: žitný ostrov // csallóköz #02



Und während ich so sitze, ich lese nicht, ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich versuche nur zu schauen, und bekomme etwas Angst vor dem Nichtstun, dem Einfach-nur-hier-Sein, überlege ich, warum ich solche Orte mag. Und was das überhaupt heißt, das Wort 'solche', und warum ich scheinbar zwanghaft immer wieder nach diesen Solche-Orten suche, sie auch finde.