Donnerstag, 12. Mai 2016

:: Tampakika, oder ein später Brief



























»Ich würde dir schreiben, dass meine und die Hände von M. vom Zucker im Tee kleben. Der Tisch vor uns klebt, und ich habe Kopfschmerzen, weil ich das Gefühl habe, nicht weiter zu wissen. Und ich weiß nicht, wie oft ich mich heute Nacht schon mit den Mitarbeitern von UNHCR streiten musste, sie angeschrien habe wegen Menschen, die ins Krankenhaus und nicht in diese Halle gehören. Und wie oft die Worte Zuständigkeit und Polizei und nicht möglich und Registrierung und illegal fielen.«

[der gesamte Text bei Logbuch-Suhrkamp >>>]



Montag, 9. Mai 2016

:: neulich ...

... wurde ich gefragt,
ob es einen gegenwärtigen literarischen underground gebe - hier der versuch einer annäherung auf goethe.de

Mittwoch, 30. März 2016

:: out now ...


Eine junge Generation von Autorinnen und Autoren stellt sich die Frage, was Heimat, Fremde und Identität bedeuten. Sie blicken auf die eigenen Wurzeln – Iran, Indien, Sri Lanka, Westjordanland, Bosnien, Ost- oder Westdeutschland – und die ihrer Eltern. Sie ergründen die Ängste der aus ihren Ländern Geflüchteten und die der sorgenvollen Bürger. Sie klagen an und versuchen zu verstehen, sind wütend und mitfühlend, sind ratlos und fordern zum Umdenken auf. Wie wir leben wollen versammelt herausragende Stimmen junger deutscher Gegenwartsliteratur.
In literarischen und essayistischen Originalbeiträgen zeichnen die Autorinnen und Autoren voll Sehnsucht, Wut und Engagement ein Bild unserer Gesellschaft, wie es aktueller nicht sein könnte.

Mit Texten von Shida Bazyar, Kristine Bilkau, Bov Bjerg, Nora Bossong, Jan Brandt, Micul Dejun, Ulrike Draesner, Roman Ehrlich, Lucy Fricke, Mirna Funk, Heike Geißler, Lara Hampe, Franziska Hauser, Heinz Helle, Svenja Leiber, Édouard Louis/Geoffroy de Lagasnerie und Hinrich Schmidt-Henkel, Inger-Maria Mahlke, Matthias Nawrat, Markus Orths, Maruan Paschen, Philipp Rusch, Saša Stanišic, Stephan Thome, Senthuran Varatharajah, Julia Weber sowie Matthias Jügler (Hg.).










Donnerstag, 17. März 2016

:: vom östlichen rande ...



"bucur esti - du bist fröhlich! wer verdammt nochmal gab der stadt diesen namen?"


 ein portrait von michael schweßinger








Mittwoch, 20. Januar 2016

:: tampakika

wenn du bei 2-5°c zwischen acht uhr am abend und elf uhr morgens verzweifelte&nasse&frierende&verängstigte&lächelnde&verletzte&glückliche&unterkühlte&weinende&gesunde&schreiende&erleichterte&kranke menschen siehst, wie sie auf löchrigem betonboden stundenlang in einer alten lagerhalle warten müssen, während du 500l tee verteilst und zwischendurch hilfst, die nasse kleidung und schuhe zu trocknen, wichtige informationen weitergibst und merhmals bedürftige ins krankenhaus fahren musst, weil staatliche+internationale organisationen dazu nicht willens sind bzw. diese ihre infrastruktur&kompetenzen nicht nutzen können und/oder wollen, dann bist du vielleicht in tampakika auf chios oder in irgendeinem anderen registrierungscamp auf dem balkan

Mittwoch, 4. November 2015

:: verspätet - zum Vortrag von Paul Philippi "Von der Schulbank 1943 in den Zweiten Weltkrieg"


Es gibt Momente im Leben, die man lieber vergessen möchte, Momente, in denen man zu feige war, aufzustehen, zu sagen: Das geht so nicht!
  Gestern Abend war einmal mehr ein solcher Moment in meinem Leben. Während des Vortrags Von der Schulbank 1943 in den Zweiten Weltkrieg von Paul Philippi, den er im Spiegelsaal des Hermanstädter Forums hielt, habe ich geschwiegen. Ich habe geschwiegen als Historiker. Und als Mensch. Vielleicht, weil ich geschockt war von der Gestaltung des Vortrages, oder weil die meisten der übrigen Anwesenden einen zufriedenen Eindruck von dem Vortrag mit nach Hause zu nehmen schienen, wahrscheinlich aber, weil ich zu feige war, aufzustehen. Zu feige, zu sagen:
  Das geht so nicht Herr Philippi!
  Sie können von Ihren persönlichen Erlebnissen ausgehend nicht so verallgemeinern, wie Sie es mehrfach getan haben. Sie können auch nicht in einer solchen Art und Weise relativieren, indem Sie sich und alle Ihnen bekannten siebenbürgisch-sächsischen SS-Angehörigen als naive junge Männer darstellen, die Opfer der Umstände Ihrer Zeit waren. Und Sie können einen Menschen nicht als „hirnverbrannt“ abstempeln, der die Überzeugung vertritt, Massengräbern, in denen sich auch die Überreste potentieller Mörder und Massenmörder der verbrecherischen Organisation der SS befinden, keine Ehre zu erweisen.
  Herr Philippi, Sie haben Ihren Vortrag mit dem Hinweis beendet, in der Eigenschaft als letzter noch lebender siebenbürgisch-sächsischer ehemaliger SS-Angehöriger gesprochen zu haben. Ich danke Ihnen für diesen Satz.

Paul Jeute, Hermannstadt, 4. November 2015


Dienstag, 27. Oktober 2015

:: 433


Und einmal mehr sitze ich im Zug von Budapest nach Hermannstadt, nach Rumänien. Wieder im IC Transsylvania, wieder im Waggon Nummer 433. Und wieder ist es der 23.Oktober, in Ungarn ein Nationalfeiertag, der an den Volksaufstand aus dem Jahr 1956 erinnern soll. Und ich bin froh, nicht allein sondern mit meinem besten Freund zu reisen. Vor genau einem Jahr war ich allein. Und ich fühlte mich allein in Budapest und wir unterhielten uns via Skype über die mich beklemmende Atmospäre der Stadt. Und jetzt sitzt er mir gegenüber, und ich weiß nicht genau wann, aber wir haben aufgehört uns zu unterhalten. Über Vertrautes und Veränderungen, Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Ohnmacht und die in den letzten zwölf Monaten viel beschworenen Ängste und Sorgen. Wir haben weder einen Anfang noch eine Ende gefunden. Erst recht keine Antworten, und weil es sehr erschöpfend war, dann doch irgendwann geschwiegen. Wir lesen in unseren Zeitungen und Büchern, schauen hin und wieder in die uns bekannten Landschaften, die sich da draußen an der Fensterscheibe vorbeischieben.
  In den vergangen Jahren sind wir oft zusammen verreist. Wir hatten sogar eine Seite auf facebook eingerichtet, the two saxonboyz, auf der wir Eindrücke hinterließen und kurze Videos, wie man bei bei 45° Celsius in einer ukrainischen Marshrutka überlebt oder einen monsunartigen Regenguss in Bulgarien oder ein gefaktes Erdbeben in einer georgischen Kathedrale. The Saxonboyz, weil wir dort zuhause sind, und weil wir einmal dachten, sächsisch könne mehr bedeuten, als eine hässliche Fratze, die sich nur allzuoft mit ihren tiefsitzenden Falten vollen Hasses zu erkennen gibt.
 Der letzte Eintrag stammt aus dem Jahr 2013: we are free from blame of people smuggling! steht da geschrieben. Grammatikalisch sicher nicht ganz korrekt, doch das war uns egal. Wir wurden freigesprochen, uns als Menschenschlepper betätigt zu haben. Menschenschlepper hießen im deutschen Sprachraum einmal Fluchthelfer. Aber das ist lange her, und was lange her ist, wird gerne auch mal vergessen.
  Der Zug fährt so langsam durch die Banater Ebene, dass uns bald die Stockente, die uns seit einigen Minuten begleitet, mit schnellen ausdauernden Flügelschlägen zu überholen scheint. Die Blätter der Bäume in dem Wald weiter drüben sind so bunt als wären sie von Kindern bemalt worden. Hier und da tauchen kleine Häuser auf, um genauso schnell wieder aus meinem Sichtfeld zu verschwinden.
 Später. Die untergehende Sonne färbt ein Wolkenfeld erst in ein kräftiges Orange. Dann wechseln sich rote und blaue Nuancen ab, bis sich alles zwischen purpur- und rosafarbenen Farbspektren einpegelt.